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«Zébu»-Neue Route in der Nordwestwand des Klein Fiescherhorns (Ochs)

Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorn von manchen auch „Ochs“ genannt gehört zu den
grossen, aber erstaunlich wenig begangenen Wänden der Berner Alpen. Die rund 1100 Meter
hohe Wand ist von Grindelwald aus gut sichtbar und wirkt aus der Ferne fast einladend. Wer
jedoch genauer hinschaut, erkennt im oberen Wandteil steilen, oft brüchigen Fels und eine
wilde Struktur, die kaum offensichtliche Linien preisgibt.

Umso erstaunlicher ist, dass die Wand bisher nur eine Route kannte: die Linie von Mäusy Lüthi
und Hermann Steuri aus dem Jahr 1935. Erst 1981 wurde diese Route zum ersten Mal im Winter
von Michael Boos und Patrick Hilber wiederholt. Trotz dieser Geschichte bleibt die
Nordwestwand ein Ort mit viel Raum für neue Ideen.

Unser Projekt begann allerdings nicht wie geplant. Eine Woche vor unserem erfolgreichen
Versuch mussten wir den ersten Anlauf abbrechen: Jonas Schild wurde von einem Stein
getroffen und erlitt eine Hirnerschütterung. Jonas ist hart im Nehmen und stieg aus eigener Kraft
mit uns nach Grindelwald ab, doch die Wand machte uns damit unmissverständlich klar, dass
sie ernst genommen werden will.

Zustieg und erster Wandtag

Am Morgen des 8. März starteten wir, Silvan Schüpbach, Filippo Sala und Olivier Kolly bei der
Bahnstation Eismeer. Mit Ski traversierten wir unter die gewaltige Nordwestwand, bis zum
Wandfuss, wo wir das Skidepot einrichteten.

Der untere Wandteil präsentierte sich überraschend angenehm: steiles Eis, meist um die 60° bis
70°, das uns zügig Höhe gewinnen liess. Die Linie ergab sich beinahe von selbst, immer
zwischen Eisrinnen und verschneiten Felsstufen hindurch.

Etwa auf halber Wandhöhe erreichten wir den Hängegletscher, dessen Bergschrund uns einen
perfekten Biwakplatz bot. Geschützt und erstaunlich komfortabel verbrachten wir dort die Nacht
direkt unter dem gewaltigen Bollwerk der Gipfelwand.

Die Gipfelwand

Am nächsten Tag standen wir vor dem entscheidenden Abschnitt: rund 400 Meter nahezu
senkrechter bis überhängender Fels. Von unten wirkte die Wand düster und abweisend
und je näher wir kamen, desto deutlicher zeigte sich die Komplexität der Wand:
Kompakte, überhängende Zonen boten (zu) grosse Herausforderungen . Einzig eine diagonal nach links
verlaufende Rampe schien uns kletterbar, wenn auch sehr brüchig.

Olivier war für die Führung durch die zwei schwierigsten Seillängen nicht zu beneiden:

Mit beeindruckender Ruhe arbeitete er sich über eine kompakte Platte (mit Steigeisen) und durch
Überhänge, welche aus zusammengefrorenen Blöcken bestanden. Jeder Zug verlangte volle
Konzentration; jeder Griff musste geprüft werden.

Zum Glück wurde der obere Teil der Gipfelwand etwas moderater. Trotzdem blieb die Suche
nach soliden Sicherungen und brauchbaren Standplätzen eine ständige Herausforderung.

Entscheidung unter dem Gipfel

Mit fortschreitender Höhe verschlechterte sich das Wetter zusehends. Der Wind nahm zu, und
Biwakplätze waren im steilen oberen Wandteil kaum vorhanden. Deshalb entschieden wir uns
gegen einen direkten Ausstieg zum Gipfel.

Stattdessen querten wir im obersten Wandbereich nach rechts aus der Wand und erreichten
schliesslich den Grat etwa 40 Meter unterhalb des Gipfels des Klein Fiescherhorn.

Nacht im Wind

Der Wind nahm weiter zu, während wir über die Südseite abstiegen. Erst um Mitternacht fanden
wir erneut einen brauchbaren Biwakplatz wiederum in einem Bergschrund. Nach einer kurzen
Nacht brachen wir am Morgen des 10. März noch einmal auf und stiegen zum Gipfel auf.

Anschliessend seilten wir die gesamte Wand an improvisierten Standplätzen ab
eine lange und konzentrierte Abseilfahrt durch die riesige Nordwestwand.

Rückkehr nach Grindelwald

Am Wandfuss warteten unsere Ski. Die Abfahrt zurück nach Grindelwald fühlte sich nach den
intensiven Tagen fast surreal an. Müde, aber zufrieden erreichten wir wieder die Zivilisation.

Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorns hat uns einmal mehr gezeigt, wie viel Abenteuer
auch heute noch in den Alpen möglich ist besonders an Orten, die zwar gut sichtbar sind, aber
nur selten betreten werden. Und vielleicht ist genau das das Fasziniere
ndste an dieser Wand: Trotz ihrer imposanten Präsenz bietet sie noch immer Raum für neue Linien.

Ein Zebu ist für uns ein Ochs je mit einer Beule – Der Ochse steht für den Berg und die Beule für Jonas Verletzung –

schade, dass er nicht dabei sein konnte beim zweiten Versuch.

Es handelt sich für Silvan um die fünfte Wand des Projektes «Die 6 vergessenen Nordwände der Alpen
»Die die vierte mit Filippo und die zweite mit Olivier.

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