Ein Meisterklasse-Tag in den Affensteinen

Zu DDR-Zeiten wurde, um die Kletterer zu motivieren, ein sogenanntes Klassifikationssystem eingeführt. Im Jahr 1974 hieß das, dass man zwölf dieser Kletterwege in der Sächsischen Schweiz oder im Zittauer Gebirge klettern musste, um die Meisternorm zu erreichen.

Nach dem anstrengenden Bergsteigerfußballturnier blätterte ein sächsischer Bergsteiger an einem Herbstabend, von den Strapazen gezeichnet, in alten Tourist-Heften (das DDR-Bergsteigermagazin rum. Davon so begeistert, schickte er uns diese Liste. Seitdem haben wir sie veröffentlicht und einen „wahren Hype“ damit ausgelöst, was uns sehr freut.

Also wer noch Zettelwege und eine Herausforderung für sich sucht, kann ja mal versuchen die „Norm“ zu erfüllen :-). Über eine Rückmeldung, wer die Wege geschafft hat bzw. alle Wege geklettert ist würde ich mich sehr freuen. Bisher gibt es mit „Seppo“ Gerber und Svante Neumann, zwei Klettert die es komplett geschafft hat. Letzterer, noch 15jährig, benötigte dafür genau fünf Monate.

Vermutlich waren auch Bernd Arnold, vielleicht auch Dieter Rülker, erfolgreich.

Ein Meisterklasse-Tag in den Affensteinen

Text/Fotos: Lutz Zybell

Vor 10 Jahren kletterten Seppo und ich in den Schrammsteinen 12 Meisterwege von der 1974er-Liste an einem Tag. Dies war in den 1970er Jahren die Norm eines Jahres, um die sog. Meisterklasse im Felsklettern zu erreichen. Im Vorfeld unserer Aktion waren wir damals der Meinung, dass diese Aktion nur in den Schrammsteinen zu realisieren geht. Da die Affensteine mit insgesamt 33 Meisterwegen auch eine große Auswahl bieten, gab es  jedoch bereits damals die Überlegung, dass es vielleicht auch dort gehen könnte. Rein nominell sind die 12 Wege in den Affensteinen sogar leichter als in den Schrammsteinen. Das Problem in den Affensteinen ist eher, dass es nur 10 „gängige“ Meisterwege gibt und dass die Wege länger und konditionell anspruchsvoller sind. Entweder muss man einige der sehr schweren und langen Wege wie Teufelsspitze-Talseite und Siebziger Weg bei der Aktion mit klettern oder eher ungängige wie z.B. Roberts Rippe, Herbstweg am Freien Turm oder Schöneweg mit Siegertvariante am Bloßstock. Solche krassen Wege wie Brückenturm-Nordkante oder Wolfsturm-Talseite, die ebenfalls auf der 1974er-Liste im Angebot sind, fallen selbstverständlich von vornherein für die Meisterwege-Aktion raus, da diese nur den absoluten Experten vorbehalten sind und dann wohl bereits für sich allein eine Tages- oder auch Lebensaufgabe darstellen.

Im Juni 2017 starteten Martin Treiber und ich einen ersten Versuch in den Affensteinen. Bei denkbar schlechten Bedingungen – die nordseitigen Reibungsausstiege waren noch völlig grün und es war außerdem nach einem nächtlichen Gewitter schwülwarm – mussten wir uns nach 9 Wegen geschlagen geben. Unsere grundlegende Taktik – an der Gruppe am Wilden Kopf zu beginnen, sich dann in Richtung Bloßstock vorzuarbeiten und zum Abschluss noch in den Kleinen Dom zu wandern um den Säbel zu klettern – schien aber nicht verkehrt zu sein. Einige Wochen später versuchten Tino Tanneberger und Peter John ihr Glück mit einer anderen Taktik. Nachdem sie früh alle Meisterwege im Dom – auch die nominell schwere Süd- und Nordwand der Rohnspitze – abgehakt hatten, setzen sie die Runde am Gemeinschaftsweg fort. Bei Weg Nr. 10 mussten sie jedoch abbrechen, da Peter Krämpfe in den oberen Extremitäten bekam, die ein Weiterklettern unmöglich machten.

Von der Helligkeit her eignen sich für so eine Meisterwege-Aktion natürlich die langen Tage in der zweiten Juni-Hälfte am besten. Allerdings hat man da meist mit sehr warmen Temperaturen zu kämpfen, die das Klettern erschweren und den Transport von entsprechend mehr Wasser erfordern. Der zurzeit sehr unzuverlässige Wetterbericht sagte für den Dienstag in der 4. Juniwoche relativ kühles und stabil schönes Wetter voraus. Also wurde mit Martin ein neuer Plan geschmiedet und entsprechende Vorbereitungen getroffen. Martin kletterte dazu einige ausgewählte Wege im Vorfeld noch einmal, so dass wir alle 12 Wege, die wir uns vorgenommen hatten, gut kannten. Am Montagmittag machte sich Martin also auf den Weg in die Affensteine und deponierte an den Flachsköpfen ein zweites Seil und einige Wasserflaschen für den nächsten Tag. Ich hatte nachmittags noch in Dresden zu tun und wollte dann abends nachkommen. Logistisch erschwerend kam noch hinzu, dass ich aufgrund der inzwischen wieder rückgängig gemachten Verschärfung des StVO-Bussgeldkataloges im April meinen Führerschein Anfang Juni gegen eine VVO-Monatskarte eingetauscht hatte. Also machte ich mich mit Bus und Bahn auf den

Wilder Kopf – Direkte Westkante (VIIIb)Weg nach Bad Schandau, wo mich Martin 22.45 Uhr am Bahnhof abholte.  Jetzt mussten wir noch zum Nassen Grund fahren und zur Wilden Zinne hochlaufen, wo wir uns schließlich gegen Mitternacht unter dem großen Überhang in der SW-Seite in die Schlafsäcke legten.

Wilde Zinne – Gemeinschaftsweg (VIIIa)

Nach einer sehr kurzen Nacht klingelte 4 Uhr bereits wieder der Wecker. Wir frühstückten in der  Dämmerung, verstauten die Schlafsäcke vor Ort und packten das Kletterzeug. Gegen 4.50 Uhr war es bereits ausreichend hell und Martin startete in den Gemeinschaftsweg. Gewohnt souverän stieg er die anspruchsvolle Einstiegshangel und durch die Rissüberhänge hinauf und holte mich am 3.R nach. Problemlos ging es die Reibungsrinne zum Gipfel und nach kurzer Abseilfahrt standen wir fast am Einstieg  der Direkten Westkante am Wilden Kopf, unseres zweiten Weges. Durch den massiven Rückgang des Sandes stellt der Einstiegsüberhang hier heutzutage fast das größte Problem dar, da das Gestein nicht das festeste ist und ein großer Block darunter lauert. Anstatt unten die 5mm-Schlinge zu suchen und zu fädeln, stieg Martin gleich ohne Sicherung zum 1.R und holte auf der Schulter nach. Im Nachstieg merkte ich dann besonders im oberen Teil, dass es heute zwar einigermaßen kühl war, ich jedoch aufgrund der hohen Luftfeuchte mit meinen schitzigen Händen sehr zu kämpfen hatte. Also konnte ich nur hoffen, dass im Laufe des Tages mehr Wind aufkam. Unter den aktuellen Bedingungen war mit meinen Schwitzhänden ein schnelles und sicheres Vorsteigen nicht möglich.

Wilder Kopf -Direkte Westkante (VIIIb)

Vom Gipfel des Wilden Kopfes seilten wir direkt zum Einstieg des Bergfinkenweges ab. Martin hängte sich noch zwei große Ufos an den Gurt, die wir vorher am Einstieg deponiert hatten, und spulte die 60m Rotpunkt zum Gipfel. Im Nachstieg kam mir die kurze Rechtsquerung des Originalweges oben fast schwerer vor als der große Quergang weiter unten. Nach kurzem Vorgipfel-Hopping seilten wir dreimal ab, wanderten um den Wilden Kopf und stiegen gemeinsam die große Rippe auf den Einstiegsblock des Talweges am Rokokoturm. Bis jetzt war quasi Warmklettern angesagt gewesen – jetzt kam der erste Weg, wo man aufpassen sollte, dass man nicht zu viele Körner lässt. Bereits der Weg zum ersten Ring unterm Überhang hält eine komische Stelle bereit und ab dem Quergang heißt es dranbleiben bis zum nR auf dem Band, auf dem sich Nachholen anbietet. Auch der obere Teil dieses Riss-Klassikers bleibt steil und anstrengend und vom Vorgipfel ist es noch ein weiter (Überschreitungs-)Weg zum Gipfelbuch.

Wieder unten angekommen schoben wir am Wilden Kopf ein kurzes zweites Frühstück ein und bekamen von Goy, der mit seinem Kumpel gerade in den Klettertag startete, noch ein paar Tipps für die Wolfturm SO-Wand, die am Nachmittag bei uns noch auf dem Programm stand. Als nächstes ging es zum Freien Turm, wo wir den Talweg mit Lindnervariante noch im Schatten klettern konnten. Im Gipfelbuch fanden wir eine sehr interessante Eintragung: Svante Neumann, der letztes Jahr mit 16 Jahren seinen letzten Gipfel im Vorstieg bestiegen hatte, sammelt jetzt Meisterwege statt Gipfel. Innerhalb des ersten Halbjahres 2020 hat er von der 1974er-Liste bereits sage und schreibe  die Hälfte (also 46 Stück) geklettert – eine unglaubliche Leistung! Vielleicjht ist Svante ja bis Jahresende fertig mit der Liste.

Für uns stand als nächstes der größte Prüfstein des Tages auf dem Programm: Roberts Rippe an den Flachsköpfen. Mit dem von Martin deponierten zweiten Seil richtete ich unterhalb des Einstiegsquergangs einen Standplatz ein und Martin machte sich auf den Weg zum ersten Ring. Die Griffe im Quergang sind nicht so schlecht, aber für die Füße bieten sich in der glatten senkrechten Wand fast keine Tritte und es liegen keine Schlingen. Außerdem steckt der Ring sehr weit links oberhalb des letzten guten Griffes. Der weitere Quergang nach links  wird immer kräftiger, bevor man schließlich mit einem schweren Aufhockzug die rettende Rippe erreicht. Am zweiten Ring holte Martin nach und nahm von dort aus die ungesicherte  Ausstiegssrinne  in Angriff. Diese Rollerreibung wäre bei den Bedingungen vor drei Jahren unkletterbar gewesen. Beeindruckend, wie souverän Martin diesen Weg „meisterte“ – immerhin Weg Nr. 6 für uns am heutigen Tag. Wir hatten jetzt also die Hälfte unseres Tagesprogramms geschafft und gingen vom Vorgipfel direkt zur Abseile, um gleich noch den Nordriss zu klettern. Dazu quert man vom Einstieg von Roberts Rippe immer links absteigend zu einem Ring in der Mitte der Nordwand, wo der eigentliche Riss startet. Hier sollte auch der Nachsteiger dem Schwierigkeitsgrad gewachsen sein. Ich hintersicherte mich im Quergang mit meinem Megajul an unserem zweiten Seil, das noch an der Abseilöse befestigt war. Der folgende Riss ist ausgesprochen steil und anstrengend und der Direktausstieg fordert nochmal beherztes Losklettern weit über dem zweiten Ring. Am Gipfelbuch angekommen freuten wir uns über die 32. bzw. 40. Begehung der beiden Wege. Dies dürften die beiden mit Abstand am seltensten gekletterten Wege unseres heutigen Programms gewesen sein.

Weiter ging es zum Bloßstock, wo wir gegen 16.30 Uhr die Rucksäcke an der Abseile in der Ostseite deponierten und unsere Wanderung  zum Wolfturm nur mit Kletterzeug  fortsetzten. Am Wolfsturm angekommen waren wir uns nicht sicher, wie wir nun zum Einstiegsriss kommen sollten. Martin war vor kurzem mit Rainer Treppte den Riss direkt links der SO-Kante über den Überhang eingestiegen, was aber sehr schwer und von der Sicherung her problematisch war. Goy hatte einen Linksbogen vom Einstieg der Hungrigen Wölfe aus empfohlen und laut Kletterführer sollte es kurz rechts der SO-Kante hochgehen. Ich querte aus der Scharte mit unserem 80m-Seil also einmal um den halben Turm und schaute alle drei Möglichkeiten an, was viel Zeit kostete. Schließlich holte ich Martin auf einem Band in der Talseite nach. Von dort aus ging es relativ gängig über den Überhang, linkshaltend wieder um die Kante und den anspruchsvollen Riss zum weit oben steckenden ersten Ring. Martin holte mich dort nach und nahm dann die schwierige Ausstiegswand in Angriff. Wir merkten mittlerweile deutlich, dass wir schon einige Wege geklettert waren, denn die technische Kletterei dort oben fiel uns beiden ganz schön schwer. Mit dem ganzen Gequere und Gesuche hatten wir außerdem eine Menge Zeit verloren und dachten in dem Moment, dass wir unser Ziel nicht mehr schaffen können.

Zurück am Bloßstock stiegen wir nach einer kurzen Rast mit etwas Essen, Getränken und Stirnlampen in die Kreuzturm-Scharte, um von dort aus die nächsten drei Wege zu klettern. Als erstes querte ich vom großen Block zum Ring der Bloßstock-Westwand hinaus und Martin startete von dort in den Fehrmann-Gedächtsnisweg. Inzwischen hatte der Wind, der uns mittags an den Flachsköpfen noch erträgliche Temperaturen beschert hatte, vollkommen nachgelassen und die Abendsonne heizte den Fels unangenehm auf. Obendrauf gab es in der Wand noch grelles Streiflicht von links, was die Sache nicht einfacher machte. Martin spulte den anspruchsvollen Weg superschnell zum Gipfel und nach einer langen Abseile querten wir gleich auf dem großen Band durch die Ostseite zum Einstieg der Walpertrisse. Nun hieß es kämpfen: Der große Überhang forderte von uns beiden nochmal vollen Einsatz. Martin wuchtete sich mit letzter Kraft darüber. Im Nachstieg rutschte ich jedoch im Überhang ab und hing in der Luft ohne jegliche Chance wieder an den Felsen zu kommen. Das Ganze jetzt nochmal probieren mit dem gleichen Ergebnis würde den Akku auch nicht weiter aufladen. Also entschied ich mich, meine einzige dünne Schlinge am Gurt zur Prusik umzufunktionieren um so wieder an den Fels zu kommen. Martin hatte am 3.Ring nachgeholt und hatte dort jetzt auch große Mühe über den kleinen Bauch an der Kante zu kommen. Im letzten Sonnenschein erreichten wir ziemlich ausgelaugt den Gipfel und hatten somit Weg Nr. 10 in der Tasche.

Nach der Abseile in die Kreuzturmscharte wurde es langsam dunkel und wir holten die Stirnlampen raus. Mit dem letzten Tageslicht stieg Martin bis zum 3.R der Kreuzturm-Westkante und holte mich dort nach. Da ich meine Stirnlampe in Dresden vergessen hatte, nahm ich Martins Ersatzlampe mit in den Weg, die jedoch just genau am ersten Ring den Geist aufgab. Aber ein bisschen was konnte man noch sehen. Martin querte dann mit seiner funktionierenden Lampe zur Ausstiegkante und ich folgte im Dunkeln zum Gipfel. Oben angekommen waren wir ziemlich fertig, aber wir wussten, dass wir den 12.Weg jetzt auch noch schaffen. Das Abseilen mit nur einer Stirnlampe nahm eine Menge Zeit in Anspruch und wir erreichten 23.15 Uhr wieder unsere Rucksäcke ganz unten am Wandfuß.

Nach einer letzten Essenspause starteten wir unsere Weit-Wanderung in den Kleinen Dom, um dort kurz nach Mitternacht in den Direkten Säbel einzusteigen. Martin hatte noch eine separate leistungsstarke Stirnlampe mitgebracht, mit der wir die Einstiegswand beleuchteten. Die durchgehend leicht überhängende Kletterei forderte nach dem bisher absolvierten Programm noch einmal die allerletzten Reserven. Mit bleiernen Unterarmen erreichte ich kurz nach 1 Uhr Martin auf dem Gipfel und wir freuten uns riesig über den gemeinsamen Erfolg. Es war zwar nach Mitternacht und somit eigentlich nicht mehr der gleiche Tag – aber wir waren mit einer Zeit von 20h und 30min vom Start in den ersten Meisterweg bis zum Gipfelbucheintrag vom letzten Weg innerhalb des selbstgesteckten 24h-Limits  geblieben. Besonders beeindruckend war für mich, wie Martin an diesem Tag alle 12 Meisterwege mit Ruhe, Übersicht und seiner unbändigen Ausdauerkraft relativ zügig vorgestiegen ist. Ich kann mir vorstellen, bei entsprechend kühleren Bedingungen im Frühling vielleicht 3 oder 4 davon an einem Tag vorzusteigen – aber 12 an einem Tag im Vorstieg sind für mich völlig unvorstellbar. Ein Tipp noch für Wiederholer: Das 80m-Seil, das wir den ganzen Tag durch die Wände gezogen haben, braucht – außer bei der Bloßstock-Abseile – kein Mensch.

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