Alles „felsenfest“ ? - Ein Beitrag zur Leipziger Kletterschule

Man vergisst leicht immer, dass unsere Klettergebiete meist ehrenamtlich betreut werden müssen, um uns das Klettern meist überhaupt erstmal zu ermöglichen. Dazu gehört nicht nur das Einrichten von Routen, sondern eben auch das Sanieren von Haken und die Beseitigung loser Gesteinsbrocken, der unterscheidlichsten Größen. Nicht zu Vergessen natürlich auch der Kontakt mit den Behörden und Umweltverbänden.

Dazu ein Bericht von Steffen Heimann und Steffen Scholz, den Gebietsbetreuern  der „Leipziger Kletterschule“ und der Hohburger Berge, dem im Leipziger Teilgebiet des Rotgelben Felsenlandes der uns freundlicher Weise von Gerald Krug (www.geoquest.de) zur Verfügung gestellt wurde.

Alles „felsenfest“ ?

Gaudlitzberg, Holzberg, Ostbruch, Westbruch, Kriebetaler Wände usw.. Die meisten Routen sind super gesichert, einige für Anfänger geeignet. Kletterhimmel und Sicherheit pur – sollte man meinen. Und da ist es schon das kleine Problem, welches ein Großes werden kann. Oft ist diese „Sicherheit“ eine trügerische. Viele funktionierende Details machen die Sicherheit beim Klettern aus. Da wären natürlich die richtige Ausrüstung, ( z.B. Seile mit der notwendigen Länge ), der richtige Umgang mit der Seil- und Sicherungstechnik und selbstverständlich ein an die Schwierigkeiten der Route angepasstes Klettervermögen… Und dann wären da noch sichere Haken und fester Fels. Um diese beiden Details soll es hier gehen. Sie sind das kleine Problem, welches zu einem Großen werden kann.

Die oben genannten Klettergebiete werden von Kletterern ehrenamtlich betreut. Das heißt, Beseitigung von Schäden an Sicherungsmitteln, Sanierung von Kletterrouten und Beseitigung lockerer Felsbereiche. Diese Arbeit erfordert neben viel Zeit auch sehr viel Erfahrung beim Hakensetzen und der Einschätzung von lockeren Felsbereichen. Es gibt leider nicht viele Kletterer, die über diese Erfahrung und die notwendige Zeit verfügen. Auch deshalb verteilt sich diese Tätigkeit auf wenige Schultern. Dazu kommt die ständige Veränderung unserer Felsen durch äußere Einflüsse wie Hitze, Frost, Wasser und auch Schwellbelastung durchs Klettern. In kaum einem Klettergebiet dieser Welt ist man in der Lage, in regelmäßigen Abständen Haken und Felsfestigkeit zu kontrollieren. Die Verantwortlichen sind auf die Meldungen über Schäden durch aufmerksame Kletterer angewiesen. Leider gibt es dann auch noch Zustände, die kaum jemand wirklich einschätzen kann, die aber im Eintrittsfall das oben genannte große Problem sind: Abgänge größerer Felsmassen und der Bruch von Haken oder gar Standplätzen. Dies soll keine Panikmache sein, es soll sensibilisieren. Deshalb im Folgenden ein paar Infos im Allgemeinen und auch Detailliertes zu den genannten Gebieten.

Brüchigkeit des Gesteins:

Die meisten unserer Klettergebiete wurden bergbaulich genutzt, sind also ehemalige Steinbrüche. Mit wenigen Ausnahmen (Ostbruch, Kriebetal) wurden mittels Trümmersprengung Grundmaterial z.B. für Schotter oder Mauersteine gewonnen. Ziel dieser Sprengart war es, die Oberfläche des Felses möglichst gut zu zerkleinern. Mit Beendigung der Nutzung wurden dann einige Felsflächen rest-beräumt und andere mit der zertrümmerten Oberfläche belassen. Offensichtlich gefährliche Stellen wurden von uns nachberäumt. An diesen Felsflächen frönen wir heute dem Sportklettern…. Es ist schlicht nicht möglich mit unseren begrenzten Mitteln einen absolut eindeutigen und sicheren Zustand in Bezug auf Festigkeit der Felsoberfläche herzustellen. Das beweisen einmal mehr die jüngsten Abgänge im Gaudlitzberg. Es ging ein Hinweis ein, nachdem sich dort ein gefährlicher Pfeiler befindet. Ich selbst war in diesem Bereich noch nie geklettert, also schauten wir uns die Stelle an. Sichtbar „klebten“ nur noch von einer 3-cm Leiste gehalten, zwei Kubikmeter Gestein übereinander. Bei der Beseitigung war nur ein kurzer Ruck notwendig und das Zeug ging ab. Danach kam immer wieder lockeres Gestein zum Vorschein, es hörte nicht auf….. Irgendwann hatten wir einen Zustand erreicht, von dem wir glaubten, dass er zumindest dem Rest der Kletterwände entsprach.

Wir waren der Meinung, der Bereich ist fest. Irrtum. Drei Monate nach der letzten Beräumung gingen völlig ohne Fremdeinwirkung ca. 4 m weiter rechts, von uns unberührt, ca. 3 m³ in Kühlschrankgroßen Blöcken ab. Mit ihnen die Bohrhaken und der Umlenker der Kletterroute. Das hätte weder der Kletterer noch der Sichernde überlebt…..

Die Situation vor dem unerwarteten Abgang. Dann stürzte der hell markierte Teil des Pfeilers ab.

 

Nach dem Felssturz. Der hell markierte Block wurde von uns sicherheitshalber zusätzlich noch zu Tal befördert …

Die Situation nach dem unerwarteten Abgang und dem Beräumen des letzten Blockes

Festigkeit der Haken

Beim Setzen von Haken in Erstbegehungen und beim Sanieren von Kletterrouten gibt es ein paar zu beachtende Regeln.

– Tragfähiges Gestein – kein Haken ist besser als ein Haken in brüchigem Fels, der nicht hält. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich in Kriebetal in der Route…….. die Ringe so bescheuert gesetzt hätte. Ganz einfach, es sind die zwei einzigen für Bohrhaken tragfähigen Stellen in diesem Wandbereich. Ein weiterer Ring zwischen den beiden wäre gut, würde aber in den Platten nicht halten. Jetzt ist die Stelle eindeutig – nicht besonders gesichert. Jeder kann entscheiden was er macht. Im Ostbruch in Brandis haben wir ein ähnliches Problem. Es gibt ne Menge Umlenker aber ein Teil sitzt in oberflächenbrüchigem Gestein. Die aufwendige Lösung sind lange, sehr lange Ösen tief im Gestein zu verankern.

– Vernünftige, dem Charakter des Klettergebietes entsprechende Abstände und Klipppositionen der Haken

– Verwendung von genormten Haken aus einem lange haltbaren Material, vorzugsweise HCR.

– Verwendung der für den vorhandenen Fels sinnvollen Setzmethode, vorzugsweise spreizdruckfreie Verankerung

Neben den Regeln für das Sanieren gibt es natürlich zum Thema Haken eine Menge zu beschreiben: „Hakenphilosophie“, „Altlasten“, Rückrufaktionen und Sicherheitswarnungen…..

Zum Thema Haken, verschiedenen „Philosophien“ und der technischen Problematik in unterschiedlichen Klettergebieten findet ihr unter www.kletterschule-felsenfest.de weitere Infos.

Eine grobe Beschreibung der oben genannten Klettergebiete

Brandis Ostbruch : Einer der wenigen nicht trümmergesprengten Brüche der Gegend. Gestein bis auf wenige Ausnahmen fest. Im Sektor „Angewandte Physik“ ist Vorsicht geboten, er ist in Arbeit. Alle Routen bis auf den oben genannten Sektor saniert. Sicherung überdurchschnittlich gut. Die eng gesicherten leichten Routen sind für Anfänger und Kinder geeignet. Übungsklettersteig wird regelmäßig kontrolliert.

Brandis Westbruch : Kein Anfängergebiet !! Gestein ist teilweise in großen Blöcken geschichtet. Die Festigkeit hat teilweise alpinen Charakter und ist nur für erfahrene Kletterer einschätzbar. Einige Routen wurden samt Umlenker saniert. (Sektor Plattenwand) Einige Routen verfügen über ein altes Bohrhakensystem welches als ausreichend eingestuft wurde. Viele Routen sind unsaniert und werden selten geklettert. Dort ist sowohl in Sachen Felsfestigkeit und auch bei den Haken Vorsicht geboten.

Gaudlitzberg: Gestein ist teilweise großblockig und dadurch ist die Festigkeit schwer einschätzbar. Teilweise ist das Gestein oberflächenbrüchig. An den Ausstiegen befinden sich oft größere Blöcke. Die Hakensituation ist gut, alle Routen wurden saniert. Es wird versucht, die Gefahr durch den Abgang großer Felsblöcke durch Ausräumen zu minimieren.

Holzberg: Hier sind alle Felsqualitäten vorhanden. Von zum Beispiel absolut fest in der großen Platte über großblockig im Sektor Valentinstag bis hin zu teilweise oberflächenbrüchig in wieder liegendem Gelände  im Sektor Bohrlochwand reichen die Eigenschaften. Die Ausstiege sind fast alle brüchig und daher sollte an den vorhandenen Umlenkern abgeseilt werden. Sowohl beim Abseilen als auch beim Ablassen ist auf die richtige Seillänge zu achten. Es hat leider schon mehrere Abseil- Ablassunfälle gegeben. Ein 70 m Seil ist sinnvoll. Die Hakensituation ist gut, die meisten Routen sind saniert.

Kriebetaler Wände: Hier fand kein Steinbruchbetrieb statt. Es handelt sich um eine natürliche Wand. Der Zugang wird erst durch eine Leiter und dann am Ufer entlang mit Eisenklammern ermöglicht. Die Festigkeit des Gesteins reicht von sehr fest in den meisten Routen über oberflächenbrüchig bis hin zu großblockig. Beim Einbohren der Routen Anfang der 90-er wurde ordentlich ausgeräumt oder bei brüchigen Wandbereichen auf ein Einbohren verzichtet. Z.B zwischen Kreuzweg und Schluchtpfeiler. Leider haben Nacherschließer diesen Anspruch nicht immer beachtet. Da die obere Felskante brüchig ist, sollte an den Umlenkern das Klettern beendet werden. Die Hakensituation ist gut, teilweise wurde nach den Erstbegehungen noch einmal nachgebohrt. Deshalb befinden sich in manchen Routen unterschiedliche Haken. Auch hier ist auf die richtige Länge des Seils (70 m) zu achten. Manche Routen sind 35 m lang.

Für alle Klettergebiete:

In allen beschriebenen Klettergebieten wird dringend das Tragen eines Helmes empfohlen.

Fazit:

Wir betreuen „unsere“ Klettergebiete nach bestem Wissen und Gewissen. Trotzdem ist jeder für sein Handeln selbst verantwortlich. (Das ist übrigens gängige Rechtsauffassung.) Natürlich kann man mit seinem „Tun“ sehr schnell auch andere gefährden. Anders als in Kletterhallen sollte jeder die Festigkeit des Gesteins und den Zustand der Haken kritisch prüfen. Das ist natürlich oft nicht einfach. Das bedeutet: Es bleibt immer ein gewisses Restrisiko. Das bedeutet auch, dass es zum Klettern in der Natur dazugehört, sich etwas intensiver mit der Materie zu beschäftigen. Mr. Googl oder das Schwarmwissen der Netzwerke kann hier helfen. Aber Vorsicht vor „Halbwissen“. Auch eine Nachfrage bei uns wird immer beantwortet. Nicht zuletzt gehört dieses Wissen in einen vernünftigen Kletterkurs. Jeder Klettertrainer sollte über gewisse Grundlagen und Kenntnisse auf den oben genannten Gebieten verfügen und sie seinen Schülern vermitteln. Und bitte: meldet Schäden oder kritische Situationen eurer DAV Sektion oder den jeweiligen Betreuern.

Grundlegend gilt vieles was oben beschrieben wurde natürlich für alle, auch und vor allem für die „schönsten“ Klettergebiete auf der Welt.

 

Steffen Heimann

Kümmert sich im Auftrag der DAV Sektion Leipzig um die Sicherheit in den betreuten Klettergebieten. Er ist von Beruf Kletterer. Er arbeitet unter anderem als Leiter der Kletterschule „felsenfest“, als Sachverständiger für Kletteranlagen und als Referent für TÜV- SÜD Akademie. Er hat zahlreiche Routen – Erschließungen und Sanierungen auf seinem Konto, und dabei hunderte Haken gesetzt.

 

Steffen Heimann

Steffen Scholz

Betreut und saniert im Auftrag des DAV in seiner Freizeit seit vielen Jahren das Klettergebiet Gaudlitzberg. Er hat mittlerweile sehr viel lockeren Fels bewegt und eine große Menge Haken gesetzt.

Steffen Scholz

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