Benedikt Purner und Albert Leichtfried mit neuer Mixedroute "Fullcontact" M9

Auch Benedikt Purner und Albert Leichtfried hatten heuer ein längeres Projekt am Grödner Joch. Die neue Mixed-Route „Fullcontact“ hatte sie den ganzen Winter beschäftigt  und am Ende wurde es eine coole Neutour am Murfrëittürm am Grödnerjoch in den Dolomiten.

„Der Eiswinter in den heimatlichen Gebieten Nordtirols war bisher eher wenig zufrieden stellend. Daher blieb auch uns nichts anderes übrig, als ins Auto einzusteigen und an den deutlich besseren Eisklettermöglichkeiten im Süden Teil zu haben. In den Dolomiten waren heuer an manchen Stellen Eisgebilde gewachsen, welche in anderen Wintern nicht in dieser Ausprägung anzutreffen sind. Auch wenn die Reise vom Ötztal nach Gröden  lang ist und der Wecker an solchen Tagen recht früh läutet, ist ein Ausflug in die Dolomiten stets ein bleibendes Erlebnis. Die Eindrücke in dieser wunderschönen Landschaft sorgen für das rasche Vergessen des langen Anreiseweges. Bereits am 30. Dezember 2019 fällt uns bei einer Besichtigungsfahrt ans Grödner Joch eine Linie auf, welche heuer mit  einem Vielfachen an Eiszapfen und Glasuren als sonst ausgestattet ist. An diesem Tag sollte es jedoch nicht sein, Benni litt unter einer plötzlichen Migräneattacke und somit waren unsere Kletterpläne recht schnell vernichtet. In der „Ironman“ waren sowieso schon zwei Seilschaften. Also machten wir uns auf den Heimweg und schmiedeten einen Plan für den nächsten Versuch. Am 5. Jänner standen wir eine Stunde früher auf, mit Erfolg – Startnummer eins am Grödner Joch war gesichert. Die Route Ironman war bald geklettert und wir waren schon extrem auf das Neuland daneben gespannt, dass wir noch im Anschluss inspizieren wollten. Schnell waren die Seile beim etwa 100 Meter entfernten Einstieg. Der Plan war, ein paar Meter in der Route zu klettern, um dann zu entscheiden, ob wir uns der gesamten Wand widmen sollten – bereits von unten war klar, es wird kein Honiglecken und viel Arbeit werden…

Nach den ersten Metern steckte Benni bereits tief in einem Kamin und schrubbte sich ohne Absicherung nach oben – „full contact“ war ihm das erste Mal in den Sinn gekommen! Nach einigen Eisglasuren und delikaten Mixedpassagen machte er Stand. Im Nachstieg mit Rucksack vollkommen im Kamin steckend kam mir ein Schmunzeln ins Gesicht, die bizarren Eisglasuren oberhalb ließen es in ein Lächeln verwandeln. „Eigentlich ganz cool, oder?“ sagte ich zu Benni. „Ja, wir schauen mal weiter“. Es war bereits später Nachmittag als wir noch die 2. Seillänge, eine knackige M8, einrichteten. Bereits von Beginn an hatten wir vor, die Standplätze zu bohren und in den Seillängen so clean als möglich zu klettern. Die geschlossenen Felsstrukturen ließen eine natürliche Absicherung in den Schlüsselpassagen jedoch meist nicht zu. Nach der 2. Seillänge war genug für heute. Wir seilten ab und kamen am 9. Januar mit neuer Energie zurück. Das Einrichten von unten kostet oft mehr Energie als das Freiklettern – an diesem Tag waren wir bis zum späten Nachmittag mit dem Einrichten der weiteren vier Seillängen beschäftigt. Wir suchten uns den Weg des geringsten Wiederstandes aus, aber auch dieser bot immer wieder hohe Schwierigkeiten im steilen Gelände. Was unser Eiskletterherz höher schlagen ließ, war die Tatsache, dass viele Passagen der Route an kleinen, bizarren Eisstrukturen zu klettern war, welche man im ersten Anschein von unten noch gar nicht erkennen konnte – also ein unerwartet hoher Eisanteil. Mit insgesamt 11 gesetzten Bohrhaken als Zwischensicherung in den 6 Seillängen blieb das Abenteuer auch erhalten – viele Passagen müssen selbst abgesichert werden.

Neben unserer Tätigkeit als Ausbilder bei der Österreichischen Bergführerausbildung hatten wir zwischen Eisfallkurs und Aufnahmeprüfung einen Tag frei. Was macht ein Eiskletterer an so einem freien Tag? Eisklettern natürlich… wir machten uns auf die lange Reise von Matrei in Osttirol zum Grödner Joch und versuchten unser Projekt frei zu klettern. Am Pass angekommen hatte es -12 °C, nicht gerade ideal für das steile Mixedgelände. Doch nach 2,5 Stunden Autofahrt war klar, versuchen mussten wir es. Bereits in der 2. Seillänge, der knackigen M8, konnte ich fühlen, wie uns die Kälte heute fordern würde. Die Bewegungen mussten präzise und flüssig laufen, ansonsten wurde es sofort extrem anstrengend. Doch von der ersten Begehung wussten wir nur wenig Abläufe, wir hatten die Bewegungen nicht einstudiert. Benni punktete recht schnell die 3. Seillänge – nun kam die Schlüsselseillänge, eine überhängende Verschneidung mit Eisglasuren und weiten Zügen. Bis zur Crux lief es überraschend flüssig, doch nun kannte ich die Bewegungen und Placements nicht – beim Einrichten zog ich mich technisch über diese Passage. Nach einigen Anläufen an kleinen Hooks auf dünnen Glasuren fand ich doch noch eine Lösung. Meine Unterarme waren komplett sauer, ich musste aber noch im Eis weiter klettern und selbst die Schrauben platzieren. Zum Glück fiel mir im letzten Moment die Verschneidung im Hintergrund ein, ich stemmte mich mit letzter Kraft mit dem ganzen Körper dagegen, full contact! So konnte ich meine Arme etwas ausruhen, um eine Schraube zu setzen und im steilen Eis bis zum Stand weiter zu klettern. Nach einer leichteren Länge wartet zum Abschluss noch eine obligatorisch zu kletternde M7-Stelle kurz bevor es zum Abschlusszapfen geht. Mit Entschlossenheit kletterte ich fokusiert zum Ende der Route und bald darauf kam Benni mit einem Lachen im Gesicht zum Stand. Geschafft, trotz der Kälte!

„Full contact“ ist speziell, die Route wirkt auf den ersten Blick optisch nicht wirklich ansprechend, als es sich dann beim Klettern anfühlt. Speziell ist die Schlüsselstelle, eine Crux ausschließlich an Eisstrukturen zu klettern und dies im M9-Bereich – wirklich etwas Einzigartiges!“

Zusatzinfo: Benedikt Purner verletzte sich kurz vor dem Fotoshooting in der Tour beim Bouldern und konnte daher nicht dabei sein. Alle Bilder zeigen daher Albert Leichtfried in der Route.

Text: (c) Albert Leichtfried; Bilder: (c) Stefan Voitl

Routeninformationen

Route: „Full Contact”

Erstbegeher: Benedikt Purner und Albert Leichtfried

Erstbegehung: 5., 9.  und 19. Januar 2020

Schwierigkeit: M9 (180m)

Absicherung: Die verwendeten Haken wurden belassen, es wurden 11 Bohrhaken verwendet.

1 Sat Friends (C4, 0.4.4) + Eisausrüstung (5 kurze Schrauben) empfehlenswert.

Zustieg: Die Route befindet sich unterhalb des Murfrëittürmes am Grödnerjoch an der Nordwestseite etwa 100 Meter links der Route „L’Ciamin“ auf etwa 2100 m. Die Route sieht man von der Straße aus. Zustieg im 15min

Abstieg: Über die Route Abseilen

 

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